„Liebe Mitarbeiter! Wir laden Sie herzlich zu unserer Weihnachtsfeier ein.“
Mit dieser Einladung, die Jahr für Jahr regelmäßig um den ersten Advent ins Postfach flatterte, war alles klar: Hingehen, dem Firmenchef die Hand schütteln, gegenseitig beteuern, wie toll alle sind, lecker schmausen, viel lachen und sich im Nachhinein fragen, ob der letzte Drink wirklich notwendig war. Aber im Großen und Ganzen: ein sehr netter Abend. Dabei war ich als Mitarbeiterin eigentlich gar nicht eingeladen, oder etwa doch? Lest meine Gedanken übers Gendern und wie es sich flüssig in unsere Sprache integrieren lässt.
Von mitgemeint zu Sternchen & Co
So lange ist es noch gar nicht her, da hat man sich um die Anrede in diversen E-Mails oder Briefen wenig Gedanken gemacht. Ich zumindest. Es war einfach so, dass sich alle Mitarbeitenden, Studierenden, Lernenden, Teilnehmenden, Lesenden … damit angesprochen fühlten. Oder es hatte zumindest so zu sein.
Kein Hahn krähte danach, logo, sehr wohl aber ein paar Hühner. Nicht aus Prinzip. Sondern weil Sprache eben nicht nur informiert, sondern auch ein Gefühl hinterlässt. Und weil sich manche irgendwann fragten, warum sie immer nur mitgemeint sein sollten.
Seit den 1970er- und 1980er-Jahren beschäftigen sich Sprachwissenschaft und Gesellschaft zunehmend mit der Frage, wen Sprache sichtbar macht – und wen eben nicht. Vor allem Frauen (und später auch weitere Geschlechtsidentitäten) machten darauf aufmerksam, dass das sogenannte generische Maskulinum nicht für alle gleich mitgedacht wird.
Was folgte, waren verschiedene Versuche, Sprache inklusiver zu gestalten: Doppelnennungen, Binnen-I, Sternchen, Doppelpunkt. Dieser sprachliche Werkzeugkasten wird bis heute diskutiert.
Aber ist Gendern Pflicht? Die Antwort auf diese häufig gestellte Frage: Nein, Gendern ist kein Gesetz. (Ausnahme: Stellenanzeigen – hier gibt es klare gesetzliche Vorgaben)
Was es sehr wohl gibt, sind Empfehlungen, Weisungen und interne Vorgaben, etwa in Behörden, Universitäten, Schulen, Medienhäusern oder Unternehmen. Der Rat für deutsche Rechtschreibung betont, dass geschlechtergerechte Sprache gesellschaftlich wichtig ist, aber nicht allein durch orthografische Regeln gelöst werden kann. Alle Menschen sollen sprachlich respektvoll angesprochen werden. Sonderzeichen wie Gender‑Stern (*), Unterstrich (_) oder Doppelpunkt (:) sind nicht Teil der amtlichen Rechtschreibung und werden daher formal nicht empfohlen.
Kurz gesagt: Gendern ist vor allem eine Haltung, eine bewusste Entscheidung, manchmal eine Vorgabe. Es ist aber kein Muss.

Warum ich auf meiner Website nicht gendere
Meine Entscheidung, auf meiner Website nicht zu gendern, hat weniger mit Ablehnung zu tun als mit meinem Empfinden von Sprache und Textqualität. Warum das für mich so ist, lässt sich an drei Aspekten festmachen: an Gewohnheit, Lesefluss und meiner Rolle als Texterin.
1. Die Macht der Gewohnheit
Im Deutschen war es lange üblich, nur das generische Maskulinum zu verwenden: Wenn ich „Kunden“, „Gäste“, „Mitarbeiter“ schreibe, meine ich damit seit jeher nicht nur Männer, sondern alle Personen. Für mich hat das nie automatisch einen Ausschluss bedeutet.
Auch wenn heute vielerorts gegendert wird – für mich ist Sprache vor allem Werkzeug. Ich möchte sie klar, schön und lesbar einsetzen. Für meine Website heißt das: Ich schreibe in der Form, die sich für mich stimmig anfühlt und das, was ich vermitteln will, am besten transportiert.
2. Gendersprache: häufig holprig oder unnatürlich
Wenn ich Texte lese, bei denen konsequent gegendert wird (mit Sternchen, Doppelpunkt, Binnen-I), stolpere ich oft über den Lesefluss. Wortkonstruktionen, die niemand im Alltag so sagt. Sätze, die sich ziehen. Wortkreationen, die schlichtweg falsch sind (ich las schon von Mitgliederinnen). Das mag manchen wichtig sein – ich persönlich finde, dass es manchmal eher ablenkt, statt das Miteinander zu zeigen.
3. Meine Haltung: Dienstleistung, nicht Mission
Ich bin Texterin – mein Job ist, zu liefern, was mein Gegenüber braucht. Wenn ein Kunde Gendern wünscht oder es die Zielgruppe erfordert, setzte ich das selbstverständlich um. Es liegt in meinem Professionalismus.
Ich selbst mache es auf meiner Website nicht, und das ist meine Entscheidung. Aus sprachlichem Empfinden, nicht aus Ablehnung. Ich sehe keine gute normative Verpflichtung, die mich zwingt, anders zu schreiben.

Wenn Sprache auf unterschiedliche Bedürfnisse trifft
Die Debatte um geschlechtergerechte Sprache ist stark emotional und oft polarisiert. Dabei gibt es gute Argumente – auf beiden Seiten. Hier ein kurzer Überblick:
Gute Gründe fürs Gendern
- Manche Studien zeigen: Wenn nur das generische Maskulinum verwendet wird, denken viele Menschen instinktiv an Männer – Frauen und andere Geschlechter bleiben unsichtbar.
- Sprache kann unser Denken beeinflussen. Bewusste, inklusive Sprache kann helfen, Stereotype aufzubrechen und sichtbarer zu machen, wer alles gemeint ist.
- In bestimmten Kontexten, z. B. in Bildung, Behörden oder Medien, signalisiert gendergerechte Sprache Respekt und Wertschätzung gegenüber allen angesprochenen Personen.
Warum es nicht immer sinnvoll ist
- Übermäßiges Gendern mit „*“, „:“, Binnen-I usw. kann Texte sperrig und unleserlich machen und vom Inhalt ablenken – besonders bei längeren Texten oder Alltagssprache.
- Nicht jede Zielgruppe nimmt diese Schreibweisen positiv wahr – manche empfinden sie als künstlich, aufgesetzt oder störend, was den Eindruck von Texten schwächt.
- Für viele Texte kann eine natürliche, flüssige Sprache wichtiger sein als absolute orthografische “Korrektheit“.
Gendern bewusst einsetzen, nicht erzwingen
Für meine Texte wähle ich eine Sprache, die natürlich, flüssig und verständlich wirkt. Dabei richte ich mich nach dem, was Sinn macht und danach, wer die Texte liest. Hier sind meine Ansätze:
- Ich frage: Wer ist die Zielgruppe? Wenn Gendern ihr wichtig ist, biete ich es an. Diese Entscheidung sollte sehr bewusst sein und nicht reflexartig.
- Ich behandle Sprache als Werkzeug, nicht als Moralkeule.
- Ich lasse Platz für Persönlichkeit und Individualität. Wenn ein Hotelbesitzer von seinem Handwerk schwärmt, soll das spürbar werden, ohne dass alles normiert oder übermäßig gegendert wird. Gleichzeitig brauchen Texte Spielraum: Sie können locker, humorvoll, sachlich oder emotional sein. Nicht alles muss geregelt werden, damit die Botschaft klar ankommt.
- Ich prüfe immer, welches Ziel der Text erreichen soll – Überzeugung, Information, Unterhaltung? Daraus leitet sich ab, wie inklusiv und wie formal die Sprache sein muss.
- Wenn ich gendern soll und es keine Vorgaben seitens des Unternehmens gibt, nutze ich klare und flüssige Formen. Ich vermeide übertriebene Konstrukte, die holprig wirken. Aber wie funktioniert das?
Gute Wege, gendergerecht zu schreiben – ohne Stolperfallen
Wenn du dich entscheidest, deine Texte geschlechtergerecht zu gestalten, aber Lesefluss und Natürlichkeit nicht opfern willst, dann können diese Varianten funktionieren:
- Direkte Leseransprache: Grundsätzlich wirken Texte nahbarer, wenn Menschen direkt angesprochen werden, statt in der dritten Person über sie zu schreiben. Auch beim Gendern lässt sich damit vieles elegant umgehen. Statt: Leserinnen und Leser, die sich näher mit diesem Thema beschäftigen möchten, finden in diesem Beitrag weitere Informationen. Besser: Neugierig geworden? Dann lesen Sie einfach weiter.
- Paarform: „Kundinnen und Kunden“, „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“
- Neutrale Begriffe und Wortkombinationen: Personen, Gäste, Team, Lehrkräfte, Skifans, Naturbegeisterte, Bergprofis, Wintersporttalente …
- Verben statt Nomen: Statt an die Personen selbst zu denken, lohnt es sich, den Fokus auf deren Tätigkeit zu legen. … wer sich nach einer Auszeit sehnt, wird im Salzburger Land …; … alle, die sehnsüchtig auf das Schneeknirschen unter den Stiefeln warten …;
- Variieren – wenn passend: Nicht jeder Satz muss gleich gegendert werden. Variation wirkt natürlicher. Gerade bei Aufzählungen lassen sich unterschiedliche Personenbezeichnungen gut mischen. Hier kommt jeder in den Schneegenuss: Skifahrer und Snowboarderinnen, Rodlerinnen und Langläufer …

Wo das geschriebene Wort endet
Kein noch so perfekt gegendertes Wort, kein Sternchen, kein Doppelpunkt kann ersetzen, was zwischen Menschen passiert. Die Anrede in den Einladungen zur Weihnachtsfeier hat sich geändert (aus Mitarbeiter*innen wurde das augenfreundlichere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter), doch das Wesentlichere war schon immer da: echtes Lachen, gemeinsame Schmunzler über kleine Missgeschicke, Geschichten teilen, sich auf Augenhöhe begegnen, einander zuhören – und ja, dieser eine Drink zu viel am Ende.
Sprache kann informieren, leiten, sogar ein bisschen sensibilisieren. Sie kann ein Anfang sein. Aber spüren, wer gerade strahlt, wer ins Herz trifft, wer sich wertgeschätzt fühlt, wer mit einem Lächeln reagiert? Das bleibt den Begegnungen vorbehalten.